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Fehlerspiel – gib niemals ungefragt einen Rat

Kürzlich war ich seit langem mal wieder mit meinem Wohnwagen im Urlaub mit dem Ziel Gardasee. Es war super und ich genoss mit meiner Frau die Auszeit. Am Tag der Abreise ist mir etwas Klassisches passiert, was generell zeigt, was durch ungefragte Ratschläge anderer passieren kann.


Es war am Abreisetag ...
Der Wohnwagen war gepackt, die Koffer verstaut und es konnte wieder Richtung Heimat gehen. Jetzt müssen Sie wissen, dass mein Wohnwagen eine außergewöhnliche Länge hat und auch in der Breite einem LKW gleicht. Zusammen mit dem Zugfahrzeug ergibt dieses Gespann ca. 14 Meter, die fortbewegt werden wollen. Wer schon einmal selbst mit einem Wohnwagen gecampt hat, weiß, dass das Rangieren in manchen Situationen alles andere als einfach sein kann. Und die Größe meines Gespanns spielt hier nun eine entscheidende Rolle.

14 Meter, 90 Grad, 20 Zuschauer
Nachdem ich meine Parzelle auf dem Campingplatz verlassen hatte, kam ich an eine Stelle, die im ersten Moment für mich unpassierbar schien: eine 90 Grad-Kurve – gerade so breit wie mein Wohnwagen selbst und eingesäumt von Lampen, Schildern, Bäumen und anderen Hindernissen. Der Weg aus der Anlage war zu jeder Seite meiner Parzelle tricky und diese Kurve schien mir – wenn auch kaum spürbar – die bessere Wahl für den Weg zur Ausfahrt.

Vielen meiner Teilzeitnachbarn kam dieses Vorhaben etwas spanisch vor und sie beobachteten mich direkt von Anfang schon, ob ich das wohl schaffen würde. Ich war mir allerdings sicher: ICH SCHAFFE DAS.

Ich setze an ... der Anfang sah gut aus. Doch mitten in der Kurve merkte ich, es wird doch verflucht eng. Ein Wegschild drohte sich in meine Wohnwagenwand zu bohren. Der rechte Außenspiegel war ungefähr 2 Zentimeter von der nächsten Lampe entfernt und auch ansonsten sah es wirklich nicht gut aus. Sofort eilten sämtliche Teilzeitnachbarn herbei und halfen. Einer der Helfer nahm das Wegschild und bewegte es soweit er konnte – zwei, drei Zentimeter – zur Seite. Andere schrien „Stopp!“, weil es in ihren Augen viel zu bedrohlich war und das Auto oder der Wohnwagen hätte Schaden nehmen können.

Rangierkünste vom Feinsten
Ich fuhr etwas vor und zurück, denn ich war mir nach wie vor 100 Prozent sicher, ich schaffe das. Einer meiner Teilzeitnachbarn, den ich in diesem Moment erst zur Kenntnis nahm, stand nur wenige Meter vor meinem Fahrzeug und beobachtete vollkommen teilnahmslos die Situation, bis er den ersten Satz von sich gab: „Das schaffen Sie nicht. Sie hätten oben schon früher einbiegen müssen.“ Bauz, das saß. Zumindest kurzfristig. Ich dachte mir: „Du Idiot. Stehst da, hast wahrscheinlich in deinem ganzen Leben noch nicht so eine Kiste um die Ecke gefahren und gibst hier wertvolle Ratschläge“. Das spornte mich erst recht an.

Der Glaube versetzt bekanntlich Berge
Ich muss allerdings zugeben, es saß. Es saß tief für einen kurzen Moment und ich fragte mich tatsächlich: Bin ich jetzt hier nicht falsch in meiner Einschätzung? Aber ich glaubte nach wie vor an mich, setzte das Vorhaben fort und nach kurzer Zeit hatte ich dann auch tatsächlich diese Kurve gemeistert.

Hören Sie niemals auf, an Ihre eigenen Fähigkeiten zu glauben
Warum erzähle ich Ihnen diese Geschichte? Die Botschaft an dieser Stelle lautet ganz einfach: Geben Sie niemals ungefragt Ratschläge, so wie dieser Mann, der zu mir gesagt hat, dass ich das sowieso nicht schaffe. Sie können natürlich sagen: Okay, das war halt seine Meinung und seine Einschätzung. Ja, aber ich habe nicht nach seiner Meinung gefragt. Im Gegenteil. Dadurch, dass er diese Aussage getroffen hatte, begann ich – auch wenn es nur für den Bruchteil einer Sekunde war – aufzuhören, an meine Fähigkeiten zu glauben. Und genau darum geht es mir hier in diesem Blog. Es war zwar seine Meinung, aber im Endeffekt steckte dahinter etwas ganz anderes.

Das Ziel des Ratschlag Gebenden: andere schlechtmachen
Es war seine Sucht nach Anerkennung. Diese Sucht nach Anerkennung ist essenziell, ist lebensnotwendig für uns alle und wir suchen permanent nach Möglichkeiten, Anerkennung zu bekommen – ganz unbewusst. Das ist vollkommen in Ordnung, das gehört zu unseren Überlebensinstinkten. Fatal wird das Ganze nur, wenn wir Anerkennung nicht durch eigene Leistung erzielen, sondern nur, indem wir andere schlechtmachen. Indem er sagte, ich würde das sowieso nicht schaffen, hat er sich über mich gestellt und dabei gut gefühlt. Er meinte ja, er hätte es besser gemacht.

Geistige Onanie
Sich permanent über andere aufregen oder schlecht über andere reden – die eventuell noch nicht einmal anwesend sind – um sich selbst dabei auf die Schulter zu klopfen, ohne eigene Leistung zu bringen, nenne ich geistige Onanie. Das kennen Sie sicher vom Fußballspiel anschauen: Egal, ob sie absoluter Fachmann im Bereich Fußball sind oder einfach nur ein Hobby-Fußballer oder möglicherweise auch noch nie im Leben einen Ball getreten haben, klopfen Sie sich selbst auf die Schulter ohne Leistung zu bringen, wenn der Spieler gerade aus Ihrer Sicht etwas Falsches gemacht hat. Dabei haben Sie sich ein gutes Gefühl gegeben, eben nämlich Anerkennung, ohne Eigenleistung.

Die Folgen im Visier
Erfolgreich wird man damit nicht, im Gegenteil. Wenn es schlecht für Sie läuft, haben Sie nämlich dann ein Umfeld von Menschen, die sich nichts mehr trauen. Das ist so wie mit Kindern, die bis zu ihrem 18. Lebensjahr bis zu 180.000 Geringschätzungen und Verneinungen hören: Du kannst das nicht, du darfst das nicht, du sollst das nicht, du schaffst das nicht, du bist zu blöd dazu und so weiter. Auf Dauer prägt sich das entsprechend im Gedächtnis ein. Das einzige, was man damit erreicht ist, dass diese Menschen alle ein gestörtes Selbstbewusstsein haben.

Also meine Bitte an Sie: Profilieren Sie sich niemals, ohne eigene Leistung zu bringen. Und sagen Sie niemandem eine Meinung, ohne dass Sie vorher danach fragen. Das macht Kommunikation manchmal etwas störrisch, nicht fließend, aber Sie werden feststellen, was sich dann in Ihrem Leben verändert.

Kennen Sie Situationen, in denen Sie sich auch schon über »Ratschläge« anderer geärgert haben? Bloggen Sie mit!

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